Präsenz vs. Onlinekurs 

Digitales Lernen ist nicht schlechter, es funktioniert einfach nur anders


"Ach! Ich weiß doch, wie Lernen funktioniert. Immerhin war ich etliche Jahre in der Schule. Wozu brauch ich also Unterstützung bei meinem Onlinekurs?"


Mit dieser Einstellung gehen leider viele dran, die einen Onlinekurs erstellen. Insbesondere, wenn sie vielleicht auch schon mal einen Präsenz-Workshop bzw. Präsenz-Kurs gehalten haben. 

Kurze Zeit später sagen sie dann frustriert:
"Ich hab das ausprobiert, mit dieser digitalen Lehre. Das funktioniert nicht. Präsenz ist einfach besser!"

Das Problem ist, da passieren ein paar Denkfehler. Da sind ein paar Sachen, die viele einfach nicht auf dem Schirm haben. Denn digitale Lehre funktioniert einfach anders als Vor-Ort-Lehre. 


In diesem Blogartikel schauen wir uns daher gemeinsam an, wo sich digitale Lehre von Präsenzunterricht unterscheidet und worauf du einen besonderen Augenmerk legen solltest, wenn du einen Onlinekurs erstellst. 


Möchtest du lieber hören als lesen?

Zu diesem Blogartikel gibt es auch eine Podcast-Folge mit dem gleichen Inhalt.

Wir alle waren in der Schule. Wir haben etliche Jahre lang Unterricht kennengelernt und Lernen & Lehren miterlebt. 

Diesen Gedankengang "Das kenn ich doch alles. Also mach ich es einfach selbst. Wird ja nicht so schwierig sein.", kann ich daher ganz gut nachvollziehen. 

Dabei entstehen dann leider einige Probleme, die dafür sorgen, dass das Ergebnis bei weiten nicht so wird, wie sich die Leute das vorstellen oder wünschen. 


Grundlegende Probleme bei der Digitalisierung von Kursen


1. Hast du wirklich gute Lehre kennengelernt?

Hand aufs Herz: Hast du wirklich gute Lehre kennengelernt? Also eine Art von Lernen, die leicht geht, Spaß macht und auf Verstehen ausgerichtet ist? Nicht auf Lern-Bulimie im Sinne von Auswendiglernen und wieder auskotzen?

Das ist schon mal der erste Punkt: Wüsstest du, wie gute Lehre aussieht?

Und schon da sagen die meisten eher nein. Sie hatten vielleicht ein paar gute Lehrer*innen, aber was das genau ausgemacht hat - gute Frage. 

Und da sind wir schon beim nächsten Punkt. 



2. Gute Lehre ist von außen kaum sichtbar

Selbst wenn du gute Lehre kennengelernt hast, sind 90 % von dem, was diese Art von Unterricht so gut gemacht hat, von außen nicht zu sehen:

  • Motivationsdesign
  • Didaktische Struktur
  • Auswahl der Lernziele 
  • Unterrichtskonzept
  • Aufgabenkonzept
  • Interaktionskonzept
  • Auswahl der Lernformate 

Vieles davon passiert unter der Oberfläche. 

Genau das ist aber entscheidend, damit das Ergebnis so wird, wie es werden soll.

Ich stell mir das gerne so vor, als wenn jemand versucht, ein Auto anhand dessen nachzubauen, was von außen zu sehen ist.Da wird dann eine Karosserie konstruiert, liebevoll angemalt, es kommen ein paar Räder dran und Sitze rein.Aber das, was wirklich dafür sorgt, dass das Auto seinen Zweck erfüllt –  der Motor, das Getriebe, die ganze Technik – fehlt. Denn die sind natürlich von außen nicht zu sehen. 

Und genau dasselbe haben wir heute bei vielen Onlinekursen.Sie sehen nach außen erst mal toll aus. Aber wenn es dann um den Lernerfolg geht, haben sie oft wenig zu bieten, weil die entscheidenden Elemente fehlen, die gute Lehre zu guter Lehre machen. 

Lesetipp: Was deinen Onlinekurs wirklich erfolgreich & hochwertig macht.


3. Digitales Lernen funktioniert nochmal anders

Und jetzt wird es spannend. Stell dir vor, du hast guten Unterricht kennengelernt und wüsstest sogar, was dafür sorgt, dass er so gut war.

Leider reicht das auch immer noch nicht, um einen Onlinekurs zu erstellen. Denn: Digitales Lernen funktioniert nochmal anders.

Es ist für Lernende ein großer Unterschied, ob sie alleine vor dem Bildschirm sitzen oder gemeinsam mit anderen in einem Klassenraum.



Präsenz ist nicht automatisch besser

Bevor hier jetzt irgendwer sagt: „Hab’s doch immer gewusst, dass Präsenz besser ist.“

Natürlich nicht, wenn’s gut gemacht ist!

Dieses Phänomen, dass Präsenzunterricht als 'besser' wahrgenommen wird, tritt nur auf, wenn du mit den Präsenz-Ansätzen Onlinekurse produzierst. 

Das ist, als würde jemand versuchen, mit einem Spachtel einen Löffel zu schnitzen. Nur weil es mit Modellierpaste ja auch immer gut funktioniert hat.

Aber es sind einfach andere Werkzeuge und ein anderer Werkstoff. Also musst du natürlich auch anders rangehen, wenn du dein Projekt in einem anderen Kontext umsetzen möchtest. 



So unterscheiden sich Präsenzunterricht und digitale Lehre in Onlinekursen


Lernraum und Lernatmosphäre

Zum einen unterscheidet sich der Lernraum selbst. Und damit die gesamte Lernatmosphäre. Wenn Lehrende und Lernende alle im selben Raum sind, entsteht automatisch eine gewisse Dynamik zwischen den Leuten. Im Guten wie im Schlechten.

Das kennst du wahrscheinlich auch: Wie sehr einen die Begeisterung und Motivation der anderen mitziehen kann. Oder aber auch, wie Desinteresse und Langeweile sich ebenfalls übertragen können.

Im Digitalen ist das gleichzeitig Herausforderung und Chance.Chance, weil die negativen Effekte automatisch wegfallen. Herausforderung, weil das Zwischenmenschliche über den Bildschirm einfach anders transportiert werden muss, als wenn alle im selben Raum sind.

Gerade das Thema Motivation muss daher in Onlinekursen bewusster gestaltet werden, damit die Lernenden möglichst leicht und erfolgreich mit dem Kurs arbeiten können.



Struktur und Benutzerführung

Wenn du einen gemeinsamen Lernraum hast, können Lernende auch leichter mal nachfragen, wenn sie etwas nicht finden oder nicht verstehen. Salopp gesagt, kannst du da als Lehrkraft etwas schludriger sein, weil sich solche Unstimmigkeiten schnell im persönlichen Gespräch klären lassen.

In Selbstlernkursen sorgen solche Stolperstellen und Ungenauigkeiten dagegen oft dafür, dass Lernende erstmal nicht weiterkommen. Dann müssen sie erstmal eine Mail schreiben. Und es dauert natürlich auch, bis die Antwort da ist. Und bis dahin sind sie natürlich komplett wieder aus dem Thema raus. Sprich sie müssen sich erstmal wieder einarbeiten, bis sie dann endlich weiterlernen können. 

Das produziert also um ein Vielfaches mehr Organisation und Arbeitsaufwand, wenn solche Stolperstellen da sind. 

Selbstlernkurse (oder begleitete Selbstlernkurse) müssen also, was Struktur, Benutzerführung und Klarheit anbelangt, deutlich präziser und genauer erstellt werden als Präsenzkurse.

Aber auch bei Live-Onlinekursen oder Gruppenprogrammen können diese Ungenauigkeiten schneller zum Problem werden, als in einem Präsenz-Seminar, weil da einfach die Kommunikationswege direkter sind. Denn auch der Chat mit anderen oder das digitale Hand heben sind deutlich umständlicher, als mal schnell die Person neben sich am Tisch fragen oder die Lehrerin ansprechen. 



Interaktion und Austausch

Neben dem Lernraum ist auch das Interaktionslevel ein anderes, wenn ich vor dem Bildschirm sitze, als mit anderen Leuten in einem Raum. Die Interaktion mit anderen ist – gerade in Selbstlernkursen – oft zeitversetzt. Und in Live-Onlinekursen (z. B. Gruppenprogrammen) eingeschränkt, weil sich nicht mehrere Leute gleichzeitig unterhalten können, außer man nutzt Breakout-Räume. Aber auch das ist erstmal wieder mit deutlich mehr Organisation, Unterbrechung und Technik-Geklicke verbunden, was einfach nicht diesen natürlichen Austausch hat, wenn alle im selben Raum sitzen.

Der Austausch mit anderen muss also deutlich besser moderiert und organisiert werden. Er entsteht nicht so leicht „von selbst“ wie in einem Präsenzkurs.

Auch die Interaktion mit der Lernumgebung ist anders: Vor Ort können Lernende sich leichter Feedback holen oder nachfragen.In einem Selbstlernkurs gibt es dagegen nur den Bildschirm und alles, was darüber bereitgestellt wird. Und eben nicht einfach nochmal bei Bedarf eine zusätzliche Erklärung oder ein Extra-Material. 

Bei Live-Kursen funktioniert das schon besser, doch die Lehrkraft bekommt oft gar nicht mit, wenn jemand Schwierigkeiten hat. In einem Zoom-Raum mit vielen kleinen Kacheln ist es eben schwierig, alle im Blick zu behalten und anhand von Mimik, Gestik und Körpersprache zu sehen, ob noch alle mit dabei sind, oder vielleicht schon jemand ausgestiegen ist.

Oft Fragen Leute auch gar nicht direkt von selbst, wenn etwas ist. Und bis sie sich trauen oder entschieden haben, dass sie es doch nicht selbst herausfinden können, habe ich die Leute dann schon verloren, wenn ich das nicht mitbekomme.

Auch das muss in einem Onlinekurs anders gelöst werden. 



Selbstgesteuertes Lernen

Was in Selbstlernkursen häufig unterschätzt wird, ist das selbstgesteuerte Lernen. An sich ist es Selbstgesteuertes Lernen richtig cool. Denn es ist ein so großer Bonus, wenn alle in ihrem Tempo lernen können. Das Problem ist nur: Kaum jemand hat jemals gelernt, selbstgesteuert zu lernen.

In der Schule war immer klar vorgegeben, was wann zu tun ist. Welche Aufgaben bis wann erledigt werden müssen. 

Jetzt einfach zu sagen „Mach einfach mal“, geht an der Realität vorbei. 

Die Fähigkeit, den eigenen Lernprozess zu organisieren, muss erst entwickelt werden. Das ist etwas, was wir lernen müssen. 

Diese Selbstorganisation bindet zusätzlich Gehirnkapazitäten, die dann beim eigentlichen Lernen fehlen.

Außerdem heißt „etwas tun“ noch lange nicht, dass es auch gut gemacht wird.

Selbst wenn jemand jetzt den Lernprozess nach außen hin Organisiert mit Terminen, Zeitfenstern und Aufgaben. Dann ist noch nicht gleich gesagt, dass das eine gute Organisation ist. 

Denn sinnvoll ist das denn, acht Stunden am Stück zu lernen? Oder mal in der U-Bahn zu lernen? Immer mal wieder zwischendurch zwischen Tür und Angel? Nebenbei beim Einkaufen einfach mal die nächste Lektion anhören?

Wiederholungen, sinnvolle Lerneinheiten, Pausen, Aufgaben. Für all das sollten in einem guten Onlinekurs Empfehlungen da sein. Das macht es zum einen viel leichter, mit dem Kurs zu arbeiten, zum anderen wird dadurch auch ein Gefühl entwickelt, wie denn nachhaltiges Lernen funktionieren kann.


Lesetipp: Nachhaltiges Lernen – was ist das?


Konzentration und Ablenkung

Dazu kommt noch, dass die Aufmerksamkeitsspanne digital einfach kürzer ist. Konzentration fordert mehr Energie, weil auch überall Ablenkung da ist. In einem Präsenz-Seminar ist es viel leichter, beim Thema zu bleiben.

Zuhause blinkt das eMail-Postfach, wird nur mal kurz etwas in einem anderen Tab nachgeschaut, oh und die Wäsche müsste auch mal wieder gewaschen werden.

Das Ablenkungspotential ist viel höher, gegen das angekämpft werden muss. Was auch wieder Gehirnkapazität bindet. 

Und in Zeiten von Social Media und Co. sind viele es auch nicht mehr gewohnt, sich wirklich lange auf nur eine Sache zu konzentrieren.

Da muss du in Onlinekursen also auch anders mit umgehen. Du musst die Lernenden auch dabei unterstützen, mit diesem Online-Lernen so gut wie möglich umzugehen. 



Und auch unser Leseverhalten ist beispielsweise anders, wenn wir am Bildschirm lesen. Dabei fallen zum einen die physischen Anker weg. Also dass ich zum Beispiel sage: Das stand doch irgendwo rechts oben auf der Seite. Und das sorgt schon dafür, dass es für unser Gehirn schwerer wird, sich zu erinnern.

Zum anderen ist das Flimmern (und vielleicht auch das blaue Licht am Bildschirm, sofern kein Blaulicht-Filter eingestellt ist) deutlich anstrengender für die Augen als auf einem ausgedruckten Blatt Papier.

Und auch das muss beim Onlinekurs-Erstellen berücksichtigt werden. Dass wir andere Lesegewohnheiten haben, öfter Pausen brauchen und anders mit Ablenkung und Konzentration umzugehen ist.


Die Aufmerksamkeitsspanne ist digital einfach kürzer. Konzentration fordert mehr Energie, weil überall Ablenkung lauert: Das blinkende E-Mail-Postfach, schnell mal ein anderer Tab, die Wäsche.

Das Ablenkungspotenzial ist hoch – und viele sind es gar nicht mehr gewohnt, sich wirklich lange auf eine Sache zu konzentrieren. Auch darauf musst du bei Onlinekursen eingehen.



Multimedia-Auswahl

Die Frage, welche Multimedia Elemente jetzt eingesetzt werden sollen kommt aber noch als extra Punkt dazu.

Denn klar, auch im Präsenz kannst du eine Präsentation halten, was vorlesen oder mal ein Bild oder Text zeigen.

Aber zum einen sind die Übergänge deutlich leichter zu gestalten. (Niemand muss beispielsweise Play drücken oder hin und her klicken.) Und zum anderen kann viel auch parallel stattfinden. Zum Beispiel eine Präsentation zeigen, dabei noch was erklären, zwischendurch ein Audio einspielen oder ein Bild rumgeben.  

Ganz im Gegensatz zu einem Onlinekurs. Der Wechsel zwischen den Multimediaformaten ist mit ganz viel hin und her Klicken verbunden und einfach nicht so fließend wie vor Ort. 

Und vor allem, muss es deutlich besser geplant werden.

Da musst du dir vorab genau überlegen, welches Multimediaformat jetzt am besten passt, wie du sinnvolle Einheiten erstellst, die nacheinander aufgerufen werden können und wie dann am Ende trotzdem noch ein stimmiges Gesamtbild entsteht. 

Der Organisatorische Aufwand ist da deutlich komplizierter. 



Fazit: Online-Lehre braucht eigene Regeln

In einem Vor-Ort-Seminar kann viel durch direkte Interaktion ausgeglichen werden. Motivation, Begeisterung, Austausch kommt oft direkt aus der Gruppe. Das gemeinsame drüber Sprechen findet teils auch von selbst in den Pausen statt und fördert dadurch nochmal den Transfer. 

Und Fragen, Feedback und Rückmeldungen kannst du sehr direkt und zeitnah bekommen. Genauso wie Hilfestellungen bei Unklarheiten und Problemen. 


Im Selbstlernkurs dagegen braucht es deutlich mehr Planung und Sorgfalt, weil die Lernende den „fertigen“ Kurs einfach freigeschaltet bekommen und mit dem arbeiten müssen, was halt da ist. 

Das heißt: Das muss sitzen. 

Und auch in Live Onlinekursen ist es deutlich schwieriger, als in Vor-Ort-Kursen,

Vor Ort Lehre lässt sich also leider nicht 1:1 auf Online-Lehre übertragen. Da sind viel zu viele Punkte, die einfach allein durch das Setting anders funktionieren und anders betrachtet werden müssen.

Medienpädagogisch und Methodisch-didaktisch super spannend! Aber du musst das Know How darüber haben, wie Lehre online funktioniert, um einen guten Onlinekurs erstellen zu können.


Wenn du dich also fragst, warum etwas in Präsenz funktioniert, aber nicht online, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es einfach an der passenden Didaktik fehlt und die Besonderheiten von digitaler Lehre nicht berücksichtigt wurden.

Wenn du dabei Unterstützung möchtest, deinen Präsenz-Kurs in einen Onlinekurs zu übertragen, kann ich dich auch gerne dabei unterstützen. Schreib mir dazu einfach eine eMail an: kontakt@onlinekurs-manufaktur.de oder buche dir eine kostenfreie Erstberatung, und wir schauen uns das einfach mal zusammen an. 


Denn Digitale Lehre ist nicht schlechter, sie funktioniert halt einfach nur anders.

Sie braucht:

  • mehr Struktur,
  • mehr bewusste Gestaltung. Sowohl von den Lernmaterialien, als auch von der Lernorganisation.
  • und ein gutes Verständnis davon, wie Lernen digital funktioniert und unser Gehirn dabei tickt.

Wenn man das ernst nimmt, kann digitale Lehre sogar tiefer und nachhaltiger wirken – weil sie Lernenden ermöglicht, in ihrem Tempo, in ihrer Wohlfühlatmosphäre und ihrem eigenen Kontext zu lernen.
Mein Slow eLearning Ansatz ist dabei eine Möglichkeit, wie sich das umsetzen lässt. 


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